Medikamenten-Tests mit Langzeitfolgen an Kindern

12. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Arbeit & Soziales, News

In den 1960er Jahren wurden Medikamente an Kindern getestet. Der 64-Jährige Alfred Koltermann hat fast seine gesamte Kindheit im psychiatrischen Landeskrankenhaus auf dem Schleswiger Hesterberg verbracht. Immer wieder musste er ein Mittel namens Haloperidol schlucken, was ein starkes Mittel gegen Halluzination und Psychosen ist. Koltermann glaubt, er leide noch heute unter den Nebenwirkungen. Er zählt zu den wenigen ehemaligen Bewohner des Hesterbergs, die angefangen haben, öffentlich über das Unrecht zu sprechen, das sie damals erlebten. Sie sprachen von Schlägen von brutalen Pflegern, sexuelle Übergriffe von älteren Patienten auf wehrlose Kinder und es ging darum, dass manche Kinder über Jahre im Krankenhaus eingesperrt waren, obwohl sie gesund waren. Es schien so, als sei Haloperidol einfach ein Mittel, dass das Krankenhaus-Personal einsetzte, um die jungen Patienten ruhigzustellen. Doch die Kinder waren Versuchskaninchen. Das Mittel wurde wohl vom zuständigen Arzt gezielt eingesetzt, um die Wirkung auf seine Patienten zu untersuchen. Die 52-Jährige Apothekerin Sylvia Wagner aus Krefeld, hat das herausgefunden. Sie stoß auf öffentlich zugängliche Quellen zu den Taten. Wie es scheint, hatten die Ärzte weder Unrechtsbewusstsein noch ein schlechtes Gewissen. Die Ergebnisse ihrer Patientenversuche wurden von ihnen in anerkannten Fachzeitschriften veröffentlicht. Koltermann ist überzeugt, dass er nicht nur damals unter den Wirkungen der Medikamente gelitten hat, sondern dass er bis heute die Langzeitfolgen spürt. „Ich habe nie richtig Lesen und Schreiben gelernt. Für den Führerschein habe ich ein Jahr gebraucht.“ Er sprach ebenfalls von Kindern, die gestorben sind. Ob das jedoch wirklich an den Medikamentenversuchen lag, ist unbekannt. Viele Kinder, die in den 1960er Jahren auf dem Hesterberg lebten, waren dort gelandet, weil sie aus schwierigen Verhältnissen kamen. Manche wurden ihren Müttern direkt nach der Geburt weggenommen, kamen erst in ein Säuglingsheim und dann direkt in die Psychiatrie. Viele Kinder waren tatsächlich geistig behindert, andere kerngesund. Eines hatten die Kinder jedoch gemeinsam: Es gab keine Eltern, die dem Treiben des Klinikpersonals hätten Einhalt gebieten können.

 

Von Dion

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